Ein Kraftstoff namens Ehrlichkeit.

Das Autohaus Marxrieser setzt auf Ehrlichkeit. Das macht das Leben zwar nicht leichter, den Schlaf aber besser. Ein Portrait über einen Unternehmer, bei dem Unredlichkeiten keinen Platz haben – auch wenn sie sich auszahlen würden.

„Gesundheit ist wichtiger als alles andere“, sagt Thomas Marxrieser. Darum hat er zu Beginn der Pandemie sofort alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach Hause geschickt, bis auf jene zur Aufrechterhaltung eines Notbetriebs. Dass mancher Mitbewerb in den ersten Isolationstagen immer noch Kfz-Dienstleistungen, die nicht unbedingt erforderlich waren, angeboten hat, ist ihm unverständlich.

Stattdessen setzte er eine Videobotschaft über Facebook ab, in der er seine Kunden aufforderte, daheim zu bleiben. Und er wunderte sich in Video-Postings schon einmal über „die Trotteln im Supermarkt, die nicht kapieren, dass man sich jetzt nicht mit Bussi Bussi begrüßt“.

Schnell noch Kleingeld machen, Gschichtln drucken, Unredlichkeiten – das ist nicht sein Ding. „Ehrlich fährt am längsten“, sagt Thomas Marxrieser, seit Anfang 2019 alleiniger Inhaber eines Autohandels und einer Kfz-Werkstatt an zwei Standorten – in Linz Leonding und Strengberg mit insgesamt 19 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Business ohne Lügen. Es ist ein typischer Klein- und Mittelbetrieb, dem es gut geht, der es sich aber auch, eigenen Angaben zufolge, unnötig schwer macht. „In unserer Branche kommt man mit kleinen und größeren Lügen einfach schneller zum Abschluss“, sagt Marxrieser, „es reicht schon, wenn ich dem Kunden keine Alternativen zu einem Problem aufzeige. Wenn ich sage: So ist es, und so machen wir es! Dann kann ich die teuerste und für mich beste Variante verkaufen.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass der Kunde „ja“ sagt, wäre groß. Das gilt auch für den Verkauf von Gebrauchtwagen. Die Kunden wollen am liebsten hören, „das Auto hat nur einen Vorbesitzer gehabt, es wurde perfekt gewartet. Der alte Mann, dem es gehört hat, hat es garagengepflegt und keine Kosten und Mühen gescheut, es instand zu halten.

Ein Vorführwagen, ein Direktionsfahrzeug. Das Auto hat der Oma gehört, die nie damit gefahren ist.“ Solche Geschichten nicht zu erzählen, macht den Verkauf deutlich schwerer, das Leben aber leichter. Die Mitarbeiter schlafen besser, und das wäre nicht einmal als Witz gemeint. „Alle, die lange an meiner Seite sind, finden Ehrlichkeit wunderbar“, sagt der Firmenchef, „sie ist ein Kraftstoff des Lebens.“ Wenn Leute aus manchen anderen Betrieben zu ihm kommen, sind sie anfangs fassungslos. Was? Das soll dem Kunden nicht verrechnet werden? „Oida, des ham wir no nie so gemacht“, hat ihm einmal ein neu eingestellter Mechaniker völlig perplex gesagt.

„Aber wenn sie dann kapiert haben, dass ich das mit der Ehrlichkeit wirklich, wirklich ernst meine, sind sie total erleichtert.“

Zu Fehlern stehen. Marxrieser mutmaßt, dass viele Leute in ihrem Leben wohl die Erfahrung gemacht haben, dass Ehrlichkeit bestraft wird. In seinem Betrieb hat es einmal einen Mitarbeiter gegeben, der eine kleine Beschädigung verschweigen wollte. „Wir haben das ausgeredet, und es ist nie wieder passiert“, sagt er und betont, dass er selbst natürlich mit gutem Beispiel vorangehen muss. Wenn er einen Fehler macht, dann sagt er das auch. Und er zahlt seinen Leuten ein ordentliches Fixum, damit nicht die Versuchung zu kleinen Unredlichkeiten aufkommt.

Interessant wäre es schon, dass sich gerade die Autohändler einen so unehrenhaften Ruf erarbeitet haben. „Sie stehen da in unangenehmer Tradition mit den Rosstäuschern“, sinniert Marxrieser. Die hätten ja einiges angestellt, um Gesundheitszustand, Alter und Wert der Pferde zu manipulieren. Da wurden Mähnen gefärbt, Schadstellen an den Hufen notdürftig verschlossen und den Pferden je nach Bedarf Beruhigungs- oder Aufputschmittel verabreicht. Pferde waren als Ackergäule und Transportmittel so wertvoll wie Autos heute. „Vielleicht sind Autohändler gar nicht unredlicher als andere Branchen“, meint Marxrieser, „sie haben bloß ein sensibles, emotional aufgeladenes und teures Produkt, wo Betrug richtig weh tut.“ Da geht es um keine Bagatellbeträge. Die härteste Währung in seiner Branche wäre daher Vertrauen.

Darum liebt er Ankaufstests. Die Leute sollen mit Autos, die er verkauft, irgendwohin fahren und das prüfen lassen. Das ist ihm am allerliebsten. Wichtig ist, dass die Kunden akzeptieren, dass sie einen Gebrauchtwagen kaufen. Ein Gebrauchtwagen hat immer Gebrauchsspuren, mal mehr, mal weniger. Es gibt Kunden, die das nicht gerne hören, aber „Leute, die beschissen werden wollen, gehören nicht zu unseren Kunden“, sagt Marxrieser. Ihm ist wichtig, dass er in seiner bisher 20-jährigen Kfz-Laufbahn noch nie Beklagter in einer Gerichtsverhandlung war und auf diesen Händlertest-Seiten im Internet nicht dort steht, wo die Shitstorms toben. „Ehrlich fährt am längsten“, wiederholt Marxrieser sein Mantra. Sehr wohl zu seinen Kunden gehören dafür zahlreiche Firmen, die Flottenfahrzeuge bei ihm kaufen und servicieren lassen, viele Stammkunden eben, die Vertrauen haben.

Zu Quarantäne-Zeiten war er in der Firma, hat Reifen geschlichtet für den großen Reifenumsteck-Marathon nach Corona und Videobotschaften aufgenommen. Da ist er, wenig überraschend, sehr ehrlich – auch zu sich selbst: „Ich bin ein Ehrgeizler und ein Workaholic, aber es gibt etwas, das wichtiger ist.“ Das habe er wieder einmal gesehen und für die Zeit, wenn das normale Leben wieder hochfährt, kann er sich vorstellen: „Vielleicht lass ich die depperte Arbeit einfach einmal früher liegen und umgebe mich stattdessen mit geliebten Menschen.“ Dass ein Wirtschaftsmagazin eine Story über ihn macht, weil ihm der Ruf bedingungsloser Ehrlichkeit als Autohändler anhaftet, findet er schade. Er wünscht sich eigentlich, dass das keine Erwähnung wert wäre.

Dieser Artikel, den wir hier im Original abdrucken, ist in der Ausgabe 4/2020 des Magazins „die Wirtschaft“ erschienen.